9 typische Fehler beim Start in die Selbstständigkeit – und wie man sie vermeidet

Wer gründet, macht früher oder später Fehler, das ist unvermeidlich und kein Beinbruch. Man muss ja aber nicht unbedingt alles, was schon unzählige andere vor einem versemmelt haben, auch selber noch mal falsch machen – mit ein bisschen Vorbereitung kann man sich eine ganze Menge ersparen.

Welche Fehler häufig gemacht werden und wie man sie vermeidet, darüber habe ich Ende Mai beim Onlineworkshop »Gründerinnenpersönlichkeit« gesprochen. Der Workshop war Teil des Projekts »Selbst ist die Frau«, initiiert vom Deutschen LandFrauenverband in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium. Das Projekt sensibilisiert Frauen im ländlichen Raum für die Selbstständigkeit als Perspektive – das unterstütze ich natürlich gerne.

Die Projektworkshops leitete eine Gründungslotsin, in Baden-Württemberg ist das Anne Retter von »Schöpfergeist«. Anne ist Onlinemarketingexpertin und Storytelling-Genie, sie unterstützt Gründerinnen und Entrepreneurinnen rund um die Selbstständigkeit im Netz.

Im Workshop »Gründerinnenpersönlichkeit« drehte sich alles um die Frage, welche persönlichen Voraussetzungen für Gründerinnen wichtig sind. Ich durfte meine Gründungsgeschichte erzählen und anhand von typischen Fehlern zeigen, worauf man sich als Gründerin vorbereiten sollte. Damit nicht nur die Teilnehmerinnen im Workshop davon profitieren, habe ich diesen Teil als Blogbeitrag aufbereitet. Es geht direkt los.

Fehler Nr. 1: Ins eiskalte Wasser springen

Klar: Wenn man sich zum ersten Mal selbstständig macht, springt man immer ins kalte Wasser – es sollte aber nicht so kalt sein, dass man schockgefrostet wird und direkt untergeht. Wer blauäugig und unvorbereitet in die Selbstständigkeit geht – frei nach dem Motto: Wird schon schiefgehen –, ist schnell überfordert und irgendwann nur noch damit beschäftigt, Formalitäten und Fristen hinterherzurennen. Vor dem Start ist eine gewissenhafte Planung deshalb das A und O.

Zu den Themen, die man auf dem Schirm haben sollte, gehören zum Beispiel

  • Marktanalyse
  • Businessplan
  • Finanzierung
  • Marketing und Akquise
  • Fördermöglichkeiten
  • Steuern

Dabei tauchen viele Fragen auf, mit denen man sich unbedingt an kompetente und verlässliche Ansprechpartner wenden sollte, also zum Beispiel an Gründungsberatungen, das Finanzamt, den Steuerberater, Fachanwälte, Berufsverbände oder die IHK. Gerne genutzt, aber nicht empfehlenswert sind Facebookgruppen, zumindest solche, die nicht explizit von Fachleuten angeboten und betreut werden (wofür man dann üblicherweise bezahlt): Man sollte nicht glauben, wie viel fachlich Falsches – oft noch im Brustton der Überzeugung – dort verbreitet wird. Wer sich darauf verlässt, handelt sich im Zweifel unnötige Scherereien ein, und mit „Karl-Heinz aus der Buchhaltungsgruppe hat gesagt …“  kann man bei Ämtern und Behörden dann nicht punkten.

Fehler Nr. 2: Eigenverantwortung scheuen

Selbstständig zu sein bedeutet, selbstständig zu sein. Eigentlich eine Binsenweisheit, dennoch gehen nicht wenige mit einer Angestelltendenkweise in die Selbstständigkeit, weil sie es nicht anders kennen. Die Folge: zu wenig Eigeninitiative und die unrealistische Erwartung, von anderen ans Händchen genommen zu werden. Mit den banalsten Fragen, die nicht mehr als eine schnelle Onlinerecherche erfordert hätten, werden Gruppen geflutet, und anstatt selbst aktiv zu werden, verfällt man in passives Verharren. Das bindet nicht nur Zeit und Ressourcen, sondern macht auch abhängig – und dafür hat man sich ja nicht selbstständig gemacht. Ob man es auf diese Weise zu etwas bringt, ist die andere Frage.

Wer erfolgreich selbstständig sein will, braucht Unternehmergeist: Eigeninitiative, Risikobewusstsein, Entscheidungsfreude, vorausschauende Planung, Kritikfähigkeit und Selbstreflexion.

Fehler Nr. 3: Keine/unrealistische Kalkulation

Wenn es an die Kalkulation geht, neigen vor allem Kreative dazu, sich die Welt schönzurechnen. Die Arbeit macht ja Spaß und letztlich braucht man doch auch gar nicht so viel zum Leben … Großer Fehler! Wer nicht realistisch rechnet – oder gleich ganz ohne Kalkulation vor sich hin werkelt –, macht sich selbst etwas vor. Im schlimmsten Fall sieht man sich irgendwann Forderungen gegenüber, die man nicht mehr bedienen kann, und dann ist guter Rat buchstäblich teuer.

Statt willkürlich Stundensätze oder Preise festzulegen, sollte man unbedingt eine genaue Kalkulation aufstellen, also ehrlich den Bedarf berechnen, sämtliche Ausgaben berücksichtigen und alle relevanten Faktoren einbeziehen. Dazu gehört natürlich auch der Gewinn, den man erzielen will, damit es sich lohnt, das Risiko zu tragen.

Fehler Nr. 4: Das Finanzamt vergessen

Wenn man gründet, ist die erste Steuererklärung gedanklich noch weit weg, und so wird erstaunlich oft vergessen, dass nicht alles, was man einnimmt, auch bei einem bleibt. Das Finanzamt vergisst das allerdings garantiert nicht. Umsatzsteueranmeldung, Einkommensteuervorauszahlung, ggf. Gewerbesteuer: Geht das Geld nicht fristgerecht ein, gibt’s Ärger – deshalb niemals alles ausgeben, wie es reinkommt, sondern rechtzeitig Steuerrücklagen bilden.

Wer ein Problem mit Geld hat und nicht haushalten kann, sollte sich Hilfe suchen oder sich überlegen, ob eine Selbstständigkeit das Richtige ist.

Fehler Nr. 5: Kein Standing haben

Wer sich innerlich nicht klar positioniert, hat ein Problem, sobald die ersten Kunden auftauchen, die mal austesten wollen, wie es um die Durchsetzungsfähigkeit des potenziellen Geschäftspartners bestellt ist. „Am Preis kann man doch sicher noch was machen …?“ oder „Das finde ich viel zu teuer“ sind typische Aussagen, die Selbstständige ohne Standing verunsichern. Am Ende hat man sich herunterhandeln lassen, um den Auftrag nicht zu verlieren, und ist unzufrieden, weil man sich unterbezahlt fühlt (und es auch ist).

Diesen Fehler vermeidet man, indem man sich vor dem Start mit einigen wichtigen Fragen auseinandersetzt:

  • Wer bin ich und was will ich erreichen?
  • Was muss ich dafür tun?
  • Wo bin ich bereit, Kompromisse zu machen, wo auf keinen Fall?
  • Wer ist mein Kunde, wer nicht?
  • Wie stehe ich zu Freundschaftspreisen, Dumpingangeboten und Argumenten à la »Du profitierst ja von unserer Reichweite/Bekanntheit«?

Das eine oder andere Mal wird man sich trotzdem breitschlagen lassen, gegen unverschämte Anfragen und die schlimmsten Preisdrückereien sollte man aber gefeit sein.

Fehler Nr. 6: Nicht über sich reden

Wer nicht wirbt, der stirbt – aber Werbung macht man nicht nur im klassischen Sinne und Aufträge kommen nicht nur im beruflichen Kontext zustande: Jeder, der weiß, was man anbietet, ist ein potenzieller Empfehlungsgeber.

Wer zu schüchtern ist, über seine Arbeit zu reden und zu „verkaufen“, was er macht, sollte deshalb dringend an seiner Einstellung arbeiten – zur Selbstständigkeit gehört ein gewisses Selbstbewusstsein.

Fehler Nr. 7: Zum Workaholic mutieren

Selbstständig gleich selbst und ständig: Wer hat den Spruch noch nicht gehört? Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man zu Beginn viel Zeit und Mühe in die Selbstständigkeit steckt, man sollte aber von vornherein den „Ausstieg“ aus dieser Phase planen, sonst ist man ausgebrannt, bevor man seinen Erfolg genießen kann. Ausnahme: Man legt keinen Wert auf Freizeit und ein Privatleben. Ansonsten sollte man nach der Devise »selbstbestimmt statt selbst und ständig« handeln.

Fehler Nr. 8: Alles allein schaffen wollen

Die wenigsten können alles, und da in den meisten selbstständigen Berufen diverse Nebenarbeiten anfallen, die ebenso zuverlässig erledigt werden müssen, sollte man sich rechtzeitig kompetente Unterstützung suchen. Manche ignorieren das, weil sie glauben, sie könnten alles allein bewältigen; das ist besonders fatal, je umfangreicher oder anspruchsvoller die Arbeit ist. Am Ende fressen Fleißaufgaben wie die Buchhaltung Zeit, die man für die eigentliche Arbeit bräuchte, und man begeht Fehler Nr. 7, mutiert zum Workaholic und brennt aus.

Um das zu vermeiden, sollte man sich vorab überlegen, was alles anfällt und ob es über kurz oder lang sinnvoll wäre, Arbeiten auszulagern. Auch wenn man zu Beginn noch alles selbst übernehmen will, schadet es nicht, sich ein Netzwerk aufzubauen, über das man bei Bedarf schnell Unterstützung findet – und sei es nur für den fachlichen Austausch, denn auch das gehört dazu.

Fehler Nr. 9: Das Bauchgefühl ignorieren

Diesen Fehler habe ich selbst ein-, zweimal gemacht und prompt die Quittung dafür bekommen. Ob es um ein verlockendes Honorar geht, um Prestige oder um in Aussicht gestellte Folgeaufträge: Wenn es sich nicht richtig anfühlt und man zulässt, dass ein vermeintlich wichtigerer Faktor das Bauchgefühl aussticht, zahlt man in irgendeiner Form Lehrgeld – zum Beispiel weil der Kunde nicht zahlen will, endlos Änderungsschleifen fährt oder alles ganz anders abläuft, als es vorab dargestellt wurde.

Das Bauchgefühl mag nur ein vager Hinweis sein, es meldet sich aber nicht ohne Grund – und jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, hat mir bestätigt: Es hat immer recht.

Neben diesen typischen Fehlern gibt es sicherlich noch einige weitere Fallen, in die man beim Start in die Selbstständigkeit nur allzu schnell tappen kann – teilen Sie Ihre eigenen Erfahrungen gerne in den Kommentaren!


Miriam Muschkowski

Griffelspitzerin vom Dienst. Damit Ihre Texte für Sie sprechen.

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