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In deutschen Texten wird viel gesorgt, vor allem in der Presse: Ankündigungen sorgen für Neugier; Ereignisse sorgen für Aufregung, Aufmerksamkeit oder Schlagzeilen; Erdbeben sorgen gar für Tote. Sehr beliebt sind auch Unwetter, die für Unfälle sorgen.

Ich sorge mich um die Ausdrucksfähigkeit der Redakteure.

Sollten nicht gerade Berufsschreiber versuchen, sprachliche Unfälle zu vermeiden? Die Häufigkeit unschöner Sorgen-für-Formulierungen lässt daran zweifeln.

Die richtige Verwendung von „sorgen für“

„Sorgen für“ bedeutet, sich darum zu kümmern, dass es jemandem gutgeht: Er sorgte für seine kranke Mutter. Es kann auch bedeuten, Sorge für etwas zu tragen, also dafür zu sorgen, dass etwas getan oder erreicht wird. Man kümmert sich um etwas: Sie sorgte dafür, dass vor dem Sturm alle Fenster geschlossen waren. Es ist für alles gesorgt. Du musst dafür Sorge tragen, dass alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt wird.

Ebenso verhält es sich mit „sich Sorgen machen“ und „sich sorgen“. Jemand macht sich Sorgen um jemanden oder etwas: Er sorgte sich, dass seiner Freundin etwas passiert sein könnte. Sie machten sich Sorgen um ihre Freunde.

Das Erdbeben sorgt nicht

Richtig verwendet haben Formulierungen mit dem Verb sorgen also etwas mit Fürsorge oder Kümmern zu tun. Das ist leider so sehr in Vergessenheit geraten, dass im Duden als Bedeutung von „sorgen“ inzwischen auch „bewirken, zur Folge haben, hervorrufen“ aufgeführt wird. Das Beispiel lautet: Sein Auftritt sorgte für eine Sensation. Das entspricht den oben genannten Beispielen: für Neugier, Aufmerksamkeit, Aufregung sorgen. 

Wer sich nur am Duden orientiert, wird hier kein Problem sehen. Man sollte aber nicht vergessen, dass der Duden nur den Sprachgebrauch abbildet. Er ist kein verbindliches Regelwerk und keine Stilbibel und sollte deshalb auch nicht der (einzige) Ratgeber sein, wenn es um gutes, um präzises, um schönes Schreiben geht.

Anders ausgedrückt: Nur weil „sorgen für“ häufig in der Bedeutung von „bewirken, zur Folge haben, hervorrufen“ verwendet und deshalb von Nachschlagewerken so aufgenommen wird, ist es nicht empfehlenswert, entsprechende Formulierungen zu verwenden.

Selbst wenn man die erweiterte Bedeutung von „sorgen für“ akzeptiert, bleiben Formulierungen wie „Das Erdbeben sorgte für Tote“ für jeden mit ein wenig Sprachgefühl indiskutabel. Das gilt übrigens auch für Floskeln wie „Der Berg fordert seine Opfer“ und ähnliche Hässlichkeiten. Ein Erdbeben sorgt nicht, ein Berg fordert nicht.

Warum nicht treffend formulieren?

Die unglücklichen Sorgen-für-Konstruktionen sind keineswegs alternativlos; im Deutschen gibt es passende Verben, um solche Ereignisse zu benennen:

Neugier erregen/wecken
Aufregung verursachen/auslösen
Aufmerksamkeit erregen

Erdbeben und Todesopfer, Unwetter und Unfälle (oder auch Schneechaos und Staus, Sommerhitze und Kreislaufkollaps, you name it) lassen sich auch ohne „sorgen für“ prima in einer Überschrift und erst recht im Text unterbringen.

 

Miriam Muschkowski

Miriam Muschkowski

Griffelspitzerin vom Dienst

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