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Nachdem sich die Debatte um den Veggie Day inzwischen wieder beruhigt hat, gibt’s jetzt einen neuen Aufreger aus der kulinarischen Ecke: die Zigeunersoße.

Das Forum für Sinti und Roma möchte, dass die Hersteller der pikanten Soße die Bezeichnung ändern, weil der Begriff Zigeuner negativ konnotiert sei. Die Hersteller finden das nicht so gut und verweisen auf die Tradition der Bezeichnung. Diese Argumentation kennt man ja aus anderen Kontroversen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Ach so, na, dann darf natürlich nicht dran gerüttelt werden. Das Kommentarvolk im Internet tut sich derweil mal wieder durch besonders intelligentes Denken hervor, zum Beispiel unter diesem Beitrag bei Spiegel Online. Viele der Leser, die sich hier äußern, argumentieren, der Begriff Zigeuner sei für sie positiv besetzt und daher unproblematisch – und vergessen dabei offenbar (oder sind noch gar nie auf den Gedanken gekommen), dass es in dieser Debatte nicht darum geht, wie SIE den Begriff empfinden. (Wie schwierig und komplex der Begriff Zigeuner tatsächlich ist und wahrgenommen wird, zeigt zum Beispiel dieser Artikel bei Der Freitag.)

Ich frage mich ja vor allem eins: Was stört die Leute eigentlich so sehr daran, dass die Soße umbenannt werden könnte? Stellen wir uns einfach kurz vor, sie hieße ab sofort Paprikasoße. Was würde sich dadurch für den Konsumenten verändern? Ich würde mal sagen: nichts. Die Soße würde genauso schmecken wie vorher, sie sähe genauso aus und jeder wüsste, was ihn geschmacklich erwarten würde. Wäre dieser Begriff nicht sowieso viel passender für das Produkt, und sollte nicht auch das Zigeunerschnitzel besser Paprikaschnitzel heißen? So soll es ursprünglich übrigens sowieso geheißen haben, schreibt Anatol Stefanowitsch im Sprachlog. Zur Argumentation der oben erwähnten Kommentatoren sagt er:

Hört endlich auf, eure imaginären Sprachtraditionen über das Empfinden von tatsächlichen Menschen zu stellen. Denn das kann sich niemand erlauben, aber wir schon gar nicht.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an den Streit um die Schokoküsse, die früher auch mal anders hießen? Die stehen weiterhin im Regal und landen in den Einkaufswagen der Konsumenten. Ich esse die Dinger zwar nicht, bin mir aber ziemlich sicher, dass sich mit der neuen Bezeichnung nichts an ihrem Geschmack geändert hat. Für die Menschen, die sich von der alten Bezeichnung getroffen fühlten, hat sich durchaus etwas verändert – und nur darum geht es.

Miriam Muschkowski

Miriam Muschkowski

Griffelspitzerin vom Dienst. Damit Ihre Texte für Sie sprechen.

5 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel.Nicht.
    Nämlich nicht richtig recherchiert.

    Vor einiger Zeit schrieb eine Anwaltskanzlei im Namen eines Sinti namens Regardo Rose einen Brief an verschiedene Hersteller zur Umbenennung von „Zigeunersauce“.
    Dieser Herr Rose ist angeblich der Vorsitzende des „Forums für Sinti und Roma“, das ich auch nach längerem Suchen nicht gefunden habe. Es gibt einen WP-Blog, der sich „Forum“ nennt
    http://romatreffen.wordpress.com/ und sich um die Belange nichtdeutscher Sinti und Roma kümmert; anscheinend unter einer Adresse in Hannover, keine Website, zu finden im Telefonbuch.
    Herr Rose war anscheinend mal in der Beratungsstelle für Sinti und Roma Niedersachsen zuständig für die Grab- und Denkmalpflege. Derzeit hat er bei dieser Organisation kein Amt inne.
    Ursprungsartikel
    http://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Namensstreit-Diese-Sauce-ist-einigen-zu-pikant
    Laut n-tv schrieb der Verband der Lebensmittelhersteller den Zentralrat der Sinti und Roma an, die sich damals (vor einem halben Jahr) nicht äußerten. Und auch heute der Meinung sind, dass es andere Probleme gäbe
    http://www.n-tv.de/panorama/Ist-Zigeunersauce-rassistisch-article11173236.html
    Die dem Zentralrat der Sinti und Roma angeschlossene Beratungsstelle Niedersachsen
    http://www.sinti-niedersachsen.de/index.html
    Richtig Fahrt aufgenommen hat das „Zigeunerschnitzel“ mit dem Weißen Ritter Anatol der gegenderten gerechten Sprache, der sich vorbehält, Kommentare freizuschalten oder nicht.
    Da muss man schon auf Augenhöhe mit dem Herrn sein… Als Lieschen Müller hat man da keine Chance (O-Ton bei GooglePlus „Zu langweilig“). Obwohl ich gestern lediglich anmerkte, dass Rezepte aus alten Kochbüchern austauschen doch ein wenig an der Realität vorbei gehen würden.

    • Miriam Muschkowski

      Hallo Petra,

      danke für Ihre Ergänzung.

      In meinem Beitrag geht es nicht darum, den Begriff Zigeuner zu analysieren oder den Hintergrund des Forums für Sinti und Roma zu recherchieren. Der Beginn meines Textes soll lediglich zum Thema hinführen. Zur Recherche der Journalisten bei Spiegel Online und Süddeutsche.de kann ich nichts sagen; wie Herr Stefanowitsch seine Kommentarfunktion betreut, weiß ich nicht.

      Mir geht es darum, welche Aufregung die Forderung nach einer Umbenennung der Soße in den Kommentarspalten diverser Medienportale hervorgerufen hat und wie sich die User dazu geäußert haben. Ich finde dieses Phänomen sehr interessant – auch unabhängig davon, ob die Mehrheit der Sinti und Roma die Begrifflichkeit als anstößig empfindet oder nicht (das kann ich sowieso nicht beurteilen).

  2. Feathers McGraw (@cupidissimo)

    Ach Petra, und was war da jetzt nochmal dein Argument gegen eine Umbenennung? Da war gar keins? Ah ja.

  3. @Feathers McGraw
    Fakt ist – Ich habe überhaupt nichts dagegen.
    Ob Paprika-Schnitzel oder Pikantes Schnitzel heißen soll, ist mir persönlich völlig egal.

    Mich stört nur, dass es sich um ein länger ruhendes und unbeachtetes Thema handelt, dass im Sommerloch rausgekramt wird. Und die Sinti und Roma leiden unter dieser Diskussion mehr, als dass es ihnen hilft.
    Anders als beim „Negerkuss“ ist es hier eine eng begrenzte Volksgruppe mit Anschriften und Präsenz im Internet. Was im Gästebuch der niedersächsischen Beratungsstelle steht, ist schon sehr peinlich.
    Und mich ärgert es, dass es Menschen gibt, die in ihrer eigenen Herrlichkeit sich eines Themas annehmen und wie ein Bulldozer durch die Medienlandschaft brausen. Mit der eigenen „von Gott empfangenen“ Meinung, die keinen Widerspruch duldet.
    Schon gar nicht den dezenten Hinweis, dass die Diskussion jetzt nicht um die historische Berechtigung des Begriffes anhand von Rezepten in alten Kochbüchern.
    Stefanowitsch hat mich inzwischen auf sämtlichen Kanälen (außer Twitter) geblockt, weil er mich als langweilig empfindet in meinen Argumentationen