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Es ist in Deutschland ja eine Art Volkssport, sich über die Deutsche Bahn zu beklagen, über die ständigen Verspätungen, die zu hoch oder zu niedrig eingestellte Klimaanlage, die überfüllten Züge … Weniger hört man über die Mitreisenden, die man so antrifft, wenn man das Wagnis einer Bahnreise eingeht.

Vor einigen Wochen unternahm ich gemeinsam mit einem Freund einen Städtetrip nach Dresden. Wir starteten in Baden-Württemberg und nutzten ausschließlich Nahverkehrszüge. Wenn man nichts dagegen hat, eine Weile unterwegs zu sein, kommt man auf diese Weise in knapp zehn Stunden für wenig Geld von der Schwäbischen Alb in die sächsische Hauptstadt.

Die Hinreise gestaltete sich recht ereignislos. Wir erlebten trotz der Ausfälle am Stuttgarter Bahnhof (Sie erinnern sich an die entgleisten Züge) keinerlei Verspätungen und erreichten Dresden pünktlich und entspannt. Auch auf der Rückreise wollte die Deutsche Bahn ihrem schlechten Ruf so gar nicht gerecht werden: Wir erwischten auch in recht vollen Zügen immer einen Sitzplatz, Verspätungen gab es keine. Lediglich einige unserer Mitreisenden störten die Reiseidylle.

Der Vorfall ereignete sich im Regionalexpress von Dresden nach Nürnberg. An einer der Zwischenstationen stiegen zwei Damen mit zwei kleinen Mädchen zu. Nachdem sie einen beachtlichen Berg an Gepäckstücken in den Waggon gehievt hatten, beschlagnahmten sie mit Koffern, Kindern und Kartenspiel den gesamten Gang und breiteten sich auf den Fahrradplätzen aus. Während sich die Damen dem Kartenspiel widmeten, tobten die Mädchen durch den Gang und unterhielten die Fahrgäste im angrenzenden Abteil mit ihren Attacken auf die Trenntür.

Einige Haltestellen später stieg ein Mann mit einem Fahrrad zu. Da er die Fahrradplätze belegt vorfand, stellte er sein Rad gezwungenermaßen im Gang ab – dort, wo auf dem Boden ein durchgestrichenes Fahrrad aufgemalt war, um Sicherheit und ein barrierefreies Durchkommen zu gewährleisten. Eine Weile ging das gut.

Das Drama nahm seinen Lauf, als eine der Damen den Radbesitzer wenig freundlich darauf aufmerksam machte, dass das Vorderrad seines Drahtesels gegen ihre Beine stoße und außerdem die Kinder beim Spielen störe. Der Radfahrer wies sie höflich darauf hin, dass es leider keinen anderen Stellplatz für sein Fahrrad gebe, wofür sie allerdings selbst verantwortlich seien, da sie die Fahrradplätze blockierten.

Das hätte er nicht sagen sollen. Die Damen begannen zu schimpfen wie die Rohrspatzen und feuerten eine Kanonade von Unhöflichkeiten auf den Fahrradbesitzer ab. Auch der vorbeikommende Schaffner, der sie darauf hinwies, dass sie die Plätze freizumachen hätten, beeindruckte sie nicht. „Wir waren zuerst hier“, trumpfte eine der Damen auf. Sie sind aber kein Fahrrad, dachte ich und kicherte. Die ältere Dame, die mir gegenüber saß, warf mir einen befremdeten Blick zu. Vielleicht war für Sitznachbarn nicht nachvollziehbares Kichern im Zug verboten. Ich nahm mir vor an der Endstation auf diesbezügliche Ansagen zu achten: „Senk you for träwelling with the Deutsche Bahn without kichering.“ Ich schmunzelte, was meiner Gegenübersitzerin zum Glück entging.

Die Vorstellung im Fahrradbereich erreichte unterdessen den nächsten Akt und das gesamte anliegende Abteil konnte dem Gekeife der beiden Damen lauschen, die ausdauernd nun sowohl den Radfahrer als auch den Schaffner verbal attackierten. Sie waren weder zur Einsicht noch zu einem Kompromiss bereit und scheuten sich nicht das jedem mitzuteilen, der es nicht hören wollte.

Einige Haltestellen später wurde schließlich eine Nische ein Stück den Gang hinauf frei und der Radfahrer nahm dort Platz – direkt gegenüber der Toilette, eingekeilt hinter seinem Fahrrad, das er mühsam festhalten musste, während er versuchte sein Buch zu lesen.

Die beiden Damen bestätigten sich indes gänzlich unberührt und unüberhörbar gegenseitig in ihrer Vorgehensweise. Der Schaffner war nach dem Kampf entnervt von dannen gezogen. Ich weiß nicht, was ihm nach dieser Episode durch den Kopf ging, ganz sicher aber war es nicht: „Senk you for träwelling with the Deutsche Bahn.“

Miriam Muschkowski

Miriam Muschkowski

Griffelspitzerin vom Dienst. Damit Ihre Texte für Sie sprechen.

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